Der September hat an der Wall Street einen Ruf, der viele Anleger nervös macht. Der Monat gilt als die schwächste Periode des Jahres für den S&P 500, wobei historische Daten eine durchgängige Underperformance im Vergleich zu anderen Monaten zeigen. Händler und Analysten sprechen oft vom „September-Effekt", und seit Jahrzehnten trägt er den Ruf von Volatilität, Unsicherheit und enttäuschenden Renditen.

Dieses Jahr geht es im September jedoch nicht nur um saisonale Muster. Es geht auch um die Federal Reserve, den Arbeitsmarkt und die Entscheidungen, die die nächste Phase der Geldpolitik bestimmen werden. Da die Beschäftigtenzahlen außerhalb der Landwirtschaft (Non-Farm-Payrolls) an diesem Freitag veröffentlicht werden und die Fed später im Monat tagt, könnte der September 2025 einer der wichtigsten Monate für die Märkte seit Jahren werden.

Der historische Kontext

Blickt man auf die Daten des letzten halben Jahrhunderts zurück, war der September im Durchschnitt der schwächste Monat für US-Aktien. Seit 1950 verzeichnete der S&P 500 im September einen durchschnittlichen Rückgang von rund einem halben Prozent. Andere Monate erzielen im Durchschnitt tendenziell positive Renditen, was den September besonders auffällig macht.

Dieses Muster ist keine bloße statistische Anomalie. In mehr als der Hälfte der letzten 50 Jahre lieferte der September eine negative Performance ab, oft in deutlicher Weise. Er war auch der Monat, in dem Korrekturen oder größere Markteinbrüche häufig ihren Anfang nahmen. Selbst in langen Bullenmärkten brachte der September oft unerwartete Turbulenzen mit sich.

Diese Bilanz hat einen sich selbst verstärkenden Kreislauf geschaffen. Anleger gehen mit Vorsicht in den September, reduzieren ihr Engagement oder sichern ihre Portfolios ab, was wiederum den Verkaufsdruck erhöht. Der „September-Effekt" ist sowohl eine historische Realität als auch ein psychologischer Ankerpunkt geworden.

Warum der September schwächelt

Es gibt mehrere Gründe, die häufig dafür angeführt werden, warum der September ein schwacher Monat für Aktien ist.

Eine Erklärung ist saisonales Anlegerverhalten. Nach dem Sommer kehren institutionelle Anleger aus dem Urlaub zurück, gleichen Portfolios neu aus und bereiten sich auf das letzte Quartal des Jahres vor. Dies führt häufig dazu, dass riskantere Positionen abgebaut werden, was die Märkte belasten kann.

Eine weitere Erklärung ergibt sich aus steuerlichen Überlegungen. Viele Investmentfonds schließen ihr Geschäftsjahr Ende September ab, was zu Portfolioanpassungen und Gewinnmitnahmen führt, die Abwärtsdruck auf Aktien ausüben.

Auch Wirtschaftsdaten spielen tendenziell eine Rolle. Der September bringt in der Regel eine hohe Dichte an Berichten mit sich, darunter Beschäftigungszahlen, Inflationsdaten und Zentralbanksitzungen. Die Kombination aus neuen Informationen und Unsicherheit kann die Volatilität erhöhen.

Schließlich liegt der September alle vier Jahre unangenehm nahe am US-Wahlzyklus. Wahlkämpfe heizen sich auf, politische Vorschläge kursieren, und Anleger stehen vor der zusätzlichen Herausforderung, politische Risiken einzupreisen. Auch in Jahren ohne Wahlen spielt Politik oft eine Rolle, da der Kongress nach der Sommerpause über Haushalte, Ausgaben und Schuldenobergrenzen debattiert.

Zusammenfassend sind die häufigsten Erklärungen:

• Saisonale Neugewichtung der Anleger nach dem Sommer • Anpassungen von Investmentfonds zum Geschäftsjahresende • Hohe Dichte an Wirtschaftsberichten und Zentralbanksitzungen • Politische und wahlbezogene Unsicherheit

Warum 2025 anders sein könnte

Auch wenn die Geschichte eine Warnung darstellt, müssen Anleger bedenken, dass der Markt nicht an saisonale Durchschnittswerte gebunden ist. Jedes Jahr ist einzigartig, geprägt vom wirtschaftlichen Umfeld, politischen Entscheidungen und der Positionierung der Anleger. Der September 2025 ist da keine Ausnahme.

Dieses Jahr ist der dominierende Faktor die Federal Reserve. Die Märkte erwarten derzeit, dass die Fed bei ihrer Septembersitzung die Zinsen senken wird. Laut Futures-Preisen wird die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung auf über 90 Prozent geschätzt, was den Glauben widerspiegelt, dass sich abschwächendes Wachstum und nachlassende Inflation eine Kursänderung rechtfertigen.

Das Ergebnis ist jedoch nicht garantiert. Der Arbeitsmarktbericht am Freitag wird ein entscheidender Test sein. Sollte sich der Arbeitsmarkt stärker als erwartet zeigen, könnte dies die Dringlichkeit für die Fed verringern, die Zinsen zu senken, was zu Enttäuschung an den Märkten führen würde, die bereits eine aggressive Lockerung eingepreist haben. Zeigt der Bericht andererseits klare Anzeichen einer Schwäche des Arbeitsmarktes, könnte dies die Argumente für eine Zinssenkung untermauern und eine Rally sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen auslösen.

Es besteht auch die Möglichkeit, dass der September seinem Ruf nicht gerecht wird. Wenn fast jeder Anleger eine Schwächephase erwartet, bewegt sich der Markt oft in die entgegengesetzte Richtung. Konsens-Trades werden häufig abgestraft, und da fast jeder sich auf einen negativen Monat einstellt, könnte genau das Gegenteil eintreten. Eine stärker als erwartete Performance im September würde viele überraschen und eine Rally befeuern, die nicht allein von den Fundamentaldaten, sondern von der Auflösung überfüllter bärischer Positionierungen getragen wird.

Mit anderen Worten: Der September könnte durchaus nach oben überraschen.

Die Bedeutung des Arbeitsmarktes

Der Arbeitsmarkt ist zur zentralen Variable im Entscheidungsprozess der Fed geworden. Die Inflation hat sich von ihren Höchstständen abgekühlt, liegt aber weiterhin über dem langfristigen Ziel der Fed. Gleichzeitig hat sich das Wachstum verlangsamt, und es zeigen sich Anzeichen von Belastungen sowohl im Konsumverhalten als auch bei den Unternehmensgewinnen.

Wenn die Beschäftigtenzahlen außerhalb der Landwirtschaft eine gesunde Anzahl neuer Arbeitsplätze zeigen und die Löhne weiter steigen, könnte die Fed zögern, die Geldpolitik zu schnell zu lockern, aus Angst vor einem Wiederanstieg der Inflation. Fallen die Beschäftigtenzahlen umgekehrt schwächer aus und steigt die Arbeitslosigkeit an, wird das Argument für Zinssenkungen überwältigend.

Diese Dynamik macht den kommenden Bericht zu einem der wichtigsten seit langer Zeit. Die Marktreaktion wird wahrscheinlich rasch erfolgen, da sich die Erwartungen für die Geldpolitik in Echtzeit anpassen.

Globale Überlegungen

Nicht nur US-Anleger beobachten den September genau. Auch die globalen Märkte sind eng mit dem nächsten Schritt der Fed verknüpft. Insbesondere Schwellenländer reagieren empfindlich auf US-Zinssätze, da diese Wechselkurse, Schuldenlasten und Kapitalflüsse beeinflussen.

Senkt die Fed die Zinsen, könnten sich die globalen Liquiditätsbedingungen verbessern und risikoreiche Anlagen weltweit begünstigen. Verzögert die Fed ihre Entscheidung, könnte sich der Dollar weiter verstärken und damit Gegenwind für internationale Aktien und Rohstoffe erzeugen.

Gleichzeitig schweben geopolitische Risiken weiterhin im Hintergrund. Die Energiemärkte bleiben volatil, die Lieferketten stehen weiterhin unter Druck, und die Handelsspannungen haben sich noch nicht vollständig gelegt. All diese Faktoren tragen zur Unsicherheit im September bei.

Anlegerstimmung und Positionierung

Die Psychologie der Anleger spielt eine bedeutende Rolle dabei, wie sich der September entwickelt. Aufgrund der weit verbreiteten Kenntnis des „September-Effekts" ergreifen viele Händler vorausschauend defensive Strategien. Sie reduzieren ihr Engagement in Aktien, verlagern Kapital in sicherere Anlagen oder sichern Portfolios mit Optionen ab.

Während dieses Verhalten Abwärtsdruck erzeugen kann, schafft es auch die Voraussetzungen für scharfe Trendwenden. Sollte der erwartete Rückgang nicht eintreten, könnten Anleger gezwungen sein, schnell wieder in den Markt einzusteigen, was kurzfristige Rallys befeuert. Aus diesem Grund schneiden konträre Strategien im September oft gut ab, da sie die Lücke zwischen Wahrnehmung und Realität ausnutzen.

Der Blick über den September hinaus

Auch wenn der September oft Schlagzeilen macht, sollten Anleger bedenken, dass es sich nur um einen Monat in einem viel größeren Bild handelt. Der Verlauf der Wirtschaft, der Pfad der Inflation und die Maßnahmen der Federal Reserve werden die Märkte auch im letzten Quartal des Jahres weiter antreiben.

Für langfristige Anleger ist die kurzfristige Volatilität oft weniger wichtig als die zugrunde liegenden Fundamentaldaten. Ein schwacher September könnte Kaufgelegenheiten bieten, während eine überraschende Rally eine Chance zur Gewinnmitnahme darstellen könnte. In jedem Fall gilt: Der Fokus sollte auf den größeren Trends liegen, statt sich von saisonalen Ängsten mitreißen zu lassen.

Fazit

Der September hat den Ruf, der schwächste Monat für US-Aktien zu sein, und die Geschichte liefert reichlich Belege für diese Einschätzung. Doch der September 2025 entwickelt sich zu einer anderen Art von September, einem, der weniger von saisonalen Tendenzen als von der Federal Reserve, dem Arbeitsmarkt und den globalen Bedingungen geprägt wird.

Der bevorstehende Arbeitsmarktbericht und die Zinsentscheidung der Fed werden den Ton angeben, nicht nur für den September, sondern für den Rest des Jahres. Während sich Anleger auf eine Schwächephase einstellen, lohnt es sich, daran zu erinnern, dass sich die Märkte oft entgegen dem Konsens bewegen. Ein stärker als erwarteter September könnte ebenso wahrscheinlich sein wie ein schwacher.

Am Ende kommt es vor allem darauf an, wie Anleger mit Unsicherheit umgehen. Ob sich der September als Stolperstein oder als Wendepunkt erweist, er wird wertvolle Einblicke in das Gleichgewicht von Wachstum, Inflation und Politik liefern, das die nächste Phase des Marktzyklus prägen wird.

Betrachten Sie diesen Artikel nicht als Anlageberatung. Wir zeigen lediglich unsere eigene Meinung. Führen Sie stets Ihre eigene Sorgfaltsprüfung durch, bevor Sie in alternative Anlagemöglichkeiten investieren.